Als Kleinanleger spielen Sie am Kapitalmarkt immer gegen Profis

Artikel aus der DNN vom 17.02.2014

Als Kleinanleger spielen Sie am Kapitalmarkt gegen Profis

Als Kleinanleger spielen Sie am Kapitalmarkt gegen Profis

staatlich geprüfter Fachberater für Finanzdienstleistungen Thomas Bergmann und Inhaber der Dresdner Firma Bergmann FinanzPartner über Strategien gegen böse Überraschungen wie bei Infinus oder Prokon

Interessanter Artikel aus der DNN am 17.02.2014

Fälle wie Prokon und Infinus wären für Kleinanleger weniger gefährlich, wenn die sich nicht vor der Verantwortung drücken wollten, sagt der Dresdner Finanzberater Thomas Bergmann. Er hatte seine Infinus-Kunden schon im Sommer gewarnt und stellte später Anlegeranwälten die Ergebnisse seiner Analysen zu den Bilanzen der Unternehmensgruppe zur Verfügung.

 

Inhalt des Presseartikels:

DNN: Infinus und Prokon sind die jüngsten Beispiele dafür, dass immer wieder Kleinanleger aufs falsche Pferd setzen und Erspartes verlieren. Verstehen die Menschen zu wenig von Geldanlagen?

Thomas Bergmann: Ja, denn sie wollen, dass jemand anderes die Verantwortung übernimmt. Finanzprodukte sind selbst dann mit Risiken verbunden – wenn
ein Stempel „sicher“ drauf ist. Ich empfehle eine andere Denkweise.

Welche denn?

Sobald Sie Ihr Geld jemandem anvertrauen – Ihrem Nachbarn, der Bank, wem auch immer – besteht das Risiko, dass Sie es nicht zurückbekommen. Das Risiko für
jede einzelne Geldanlage beträgt immer 100 Prozent! Was Anlagen unterscheidet, ist nur die Höhe der Wahrscheinlichkeit, dass ein Totalverlust eintritt. Er sollte aber
immer einkalkuliert werden.

Und was ist die Konsequenz aus Ihrem Denkansatz?

Wer nur auf ein Pferd setzt, setzt im Zweifel immer aufs falsche. Legen Sie Ihr Geld aufs Bankkonto, haben sie die Garantie, dass die Inflation einen großen Teil davon
auffrisst. Spekulieren Sie ohne fundiertes Fachwissen am grauen Kapitalmarkt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie verlieren, ziemlich groß. Sie spielen dort gegen Profis.

Also streuen. Besser ein gut gewichtetes Portfolio als nur eine Aktie. Das ist doch ein alter Hut…

…aber es reicht nicht aus. Wie man an der Finanzkrise gesehen hat, kann auch der gesamte Aktienmarkt ins Schlingern geraten. Ich rate dazu, in voneinander unabhängige Bereiche zu investieren, so genannte Asset-Klassen. Dazu gehören Aktien, Immobilien, Versicherungen, Rohstoffe, Sachwerte und vor allem auch direkte Unternehmensbeteiligungen.

Übernehmen diese Aufgabe nicht die Fondsmanager?

Ja, aber nur am Markt für liquides Kapital, also überall, wo Sie jederzeit einen Kurs abrufen, kaufen und verkaufen können. Wenn Sie langfristig in Unternehmen und Projekte investieren, können Sie zwar nicht jederzeit Ihr Geld herausholen, machen sich aber ein Stück weit unabhängig vom Aktienmarkt, der für den Kleinanleger immer schwieriger wird.

Der Rat des einstigen „Börsenpapstes“ André Kostolani – in Aktien investieren, 20 Jahre ruhig schlafen und Gewinn abholen – gilt also nicht mehr?

Zumindest ist die Position des Kleinanlegers im Wettstreit mit professionellen Großanlegern durch den Computerhandel viel schwächer geworden.

Die Infinus-Manager scheinen da ja vieles richtig gemacht zu haben. Die Staatsanwaltschaft hat bei ihnen Aktien, Versicherungspolicen, Goldbarren und Luxusgegenstände in großen Mengen beschlagnahmt…

Sie können davon ausgehen, dass die Herren genau wissen, wie man Geld anlegt.

Ist es für einen Kleinanleger sinnvoll, sein bisschen Geld für die Altersvorsorge ebenso breit zu streuen?

Es ist nicht nur sinnvoll, sondern die einzige Alternative zum Totalverlustrisiko.

Sie haben bereits im Frühsommer Ihren Kunden in einem Rundschreiben geraten, aus Anlagen bei Infinus auszusteigen. Warum?

Ich wurde von einem meiner Kunden um eine Einschätzung zu diesen Finanzprodukten gebeten, deshalb habe ich mir den Geschäftsbericht der Future Business
KG aA einmal genau angeschaut. Dass wachsende Risiken für die Liquidität bestanden, steht dort schwarz auf weiß drin.

Inwiefern?

Es geht um die Fristenkongruenz. Das heißt, langfristige Investitionen müssen langfristig finanziert werden. Das lernt jeder BWL-Student als goldene Regel der Bilanzierung. Bei der FuBus wurde dieses Prinzip zunehmend verletzt. Hinzu kommt, dass in der Bilanz ausgewiesene Kapitalbeträge einer genauen Prüfung kaum
standhalten. Zum Beispiel war der größte Teil der Versicherungspolicen beliehen und verpfändet. Ratingagenturen hätten das bemerken müssen.

Fanden sich im Geschäftsbericht auch Anhaltspunkte für ein so genanntes Provisionskarussell, wie es die Staatsanwaltschaft den Infinus-Vorständen vorwirft?

Was die Goldsparpläne betrifft, war das offensichtlich.

Wieviele Kunden sind Ihrem Rat gefolgt, bei Infinus auszusteigen?

Etwa 40 Prozent.

Die haben also das investierte Geld zurückbekommen und solange ihre Verträge liefen, obendrein hohe Zinsen kassiert.

Sagen wir mal ganz ordentliche Zinsen. Und was das Geld betrifft, das haben außer einer alle zurückerhalten.

Angenommen, der Verdacht auf ein Schneeballsystem bestätigt sich, und es wurde tatsächlich Geld von Neukunden zur Bezahlung gekündigter Altverträge herangezogen – dann haben doch Kunden, die Ihrem Rat gefolgt sind, von Betrug an den anderen profitiert.

So ist das in diesem Markt. Den Letzten beißen die Hunde.

Warum ist eine Mehrheit nicht Ihrem Rat gefolgt?

Viele haben mir nicht geglaubt, dass ein so tolles Geschäft zum Problem werden könnte. Aber wie beim Auto steigt auch hier mit der Laufzeit das Ausfallrisiko. Aber aus einem gewinnbringenden Geschäft will ja auch niemand zu früh aussteigen.

Da kommen wir zum Knackpunkt: Aussteigen.

Ich verstehe mich nicht nur als Anlageberater, sondern biete strategische Finanzplanung an. Dazu gehört auch eine Strategie, Gewinne zu realisieren. Das heißt, schon bei Vertragsabschluss sollte klar sein, wie lange ein Investment dauern soll, wann ich abschöpfe oder aussteige.

Warum ist das so wichtig?

Beispiel Börse: Mit einer guten Strategie  kann man gute Gewinne einfahren. Aber nur so lange, bis die anderen auch auf den Trichter kommen. Machen irgendwann alle das Gleiche, gewinnen sie nichts mehr. Eine Todsünde für Kleinanleger sind deshalb thesaurierende Fonds, also Anlagen, bei denen die Ausschüttungen immer gleich wieder eingezahlt werden. Nehmen Sie die Gewinne heraus und investieren Sie sie woanders! So reduzieren Sie das Risiko.

Stichwort Unternehmensbeteiligung. Welchen Rat haben sie Ihren Kunden in Bezug auf die Windkraft-Genussrechte von Prokon gegeben?

Prokon war kein Thema. Meine Kunden wollten dort nicht investieren, und ich hätte ihnen das auch nie geraten.

Warum nicht? Erneuerbare Energien sind ein Zukunftsthema, dazu umweltfreundlich, und die Finanzierung ohne Banken ist eine interessante Alternative.

Wieder das Problem Fristenkongruenz. Die Investitionen in Windräder sind sehr langfristig. Wenn Kunden, denen bei Vertragsabschluss die Möglichkeit kurzfristiger Kündigung eingeräumt wurde, in großer Zahl davon Gebrauch machen, wackelt das Geschäftsmodell und die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten.

Wie kann denn ein Kleinanleger so etwas durchschauen? Sie sagen doch selbst, sich direkt an Unternehmen zu beteiligen, sei eine gute Strategie.

Zuallererst ist da die Flut von Werbeprospekten in den Briefkästen. Eine Firma, die so etwas macht, braucht dringend Geld. Das ist in der Startup-Phase eines Unternehmens normal, bei Firmen, die schon Jahre am Markt sind, aber ein Alarmsignal.

Aber selbst wer Bedenken hatte, sah dann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen direkt vor der Tagesschau die ProkonWerbung…

Man muss wohl für Werbung nur genug bezahlen.

Infinus hat sogar mit exzellenten Ratings, zum Beispiel von Hoppenstedt, geworben, die „blaue Infinus“ wurde von der BaFin kontrolliert. Worauf kann der Anleger denn überhaupt noch vertrauen?

Schauen Sie sich die Dokumente von Hoppenstedt genau an, dann sehen Sie, dass da zum Teil nicht etwa Finanzprodukte, sondern Serviceleistungen zertifiziert wurden. Und die BaFin kontrolliert, ob Verkaufsprospekte vollständig und formal schlüssig sind, aber nicht, ob auch stimmt, was da drin steht.

Sind ein Tüv für Finanzprodukte, wie ihn Verbraucherschützer fordern, Beratungsprotokolle oder die Einteilung von Finanzprodukten in Risikoklassen, die nur an Anleger mit passendem Risikoprofil vermittelt werden dürfen, Auswege aus dem Dilemma?

Nein. Sie sind aus meiner Sicht teils sogar gefährlich, weil sie nur eine trügerische Sicherheit geben. Die Menschen bekommen das Gefühl, jemand anderes übernimmt die Verantwortung. Das ist zwar gerade „in“, aber grundfalsch. Und die Beratungsprotokolle sind im Zweifel eher eine Absicherung für den Vermittler.

Wie stehen Sie zum Verbot bestimmter Finanzprodukte durch die BaFin, das derzeit von der Politik diskutiert wird?

Damit würde man die Kleinanleger zwingen, in Versicherungen und Staatsanleihen zu investieren und damit vor allem die Eurokrise zu bezahlen.

Sollten Kleinanleger spekulative Anlagen grundsätzlich meiden, wie Verbraucherschützer raten?

Die Menschen suchen in der Niedrigzinsphase Rat, was sie tun sollen, um ihr Vermögen gut anzulegen. Ihnen immer nur zu sagen, was sie nicht tun sollen, reicht nicht. Wer risikobewusst investiert, kann auch einmal spekulieren.

Was Sie sagen klingt so, als gäbe es eine recht simple Erfolgsstrategie: Vermögen breit streuen, aus  Investments rechtzeitig aussteigen, ruhig einmal zocken und immer misstrauisch sein?

Richtig. Wer gut streut, rutscht nicht.

Ohne Hilfe werden es viele Kleinanleger kaum schaffen, diese Strategie umzusetzen. Wie man immer wieder sieht, ist das mit professioneller Beratung aber auch so eine Sache…

Ich könnte jetzt Eigenwerbung betreiben und sagen, nehmen Sie ruhig mal 100 Euro in die Hand für eine Honorarberatung zu Ihren Kapitalanlagen. Was aber noch wichtiger ist: Stellen Sie sich immer, wenn Ihnen jemand einen Rat gibt, die Frage: Warum sagt er mir das? Von wem wird er bezahlt – von der Bank oder von mir?

Sie waren früher selbst bei einer großen Bank als Vertriebsleiter unter Vertrag. Warum haben Sie sich gegen die Provision und für die Unabhängigkeit entschieden?

Ich hatte auf Dauer kein gutes Gefühl dabei, dass das, was für die Bank gut war, nicht auch gut für die Kunden war, denen wir es verkaufen sollten.  außerdem wollte ich selbst Entscheidungen treffen und mir nicht immer vorschreiben lassen, was ich zu tun habe.

Und wie verdienen Sie nun mit strategischer Finanzplanung Geld?

Zum großen Teil über Honorarberatung. Und oft durch eine Gewinn-Beteiligung meiner Kunden. Zum Teil werde ich also erst dann bezahlt, wenn diese ihr Geld  zurückerhalten haben.

Haben auch Kunden, die immer Ihrem Rat gefolgt sind, Geld verloren?

Ja natürlich, bei einzelnen Investments schon. Das gehört einfach dazu. Aber in der Summe bislang nicht.

Interview: Holger Grigutsch

 

Weiterführender Link zu diesen Themen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.